Als Thorsten Tophinke eine Woche nach dem Eingriff erneut ins EVK kommt, klingt in seinen Worten vor allem Erleichterung an. Der 60-Jährige hatte sich jahrelang mit den Beschwerden durch den Alltag bewegt, vieles gemieden, sich beim Essen zurückgenommen und die Einschränkungen irgendwann fast als normal hingenommen. Bei ihm wurde der Reflux durch eine rund vier Zentimeter große Zwerchfellhernie ausgelöst. „Ich habe mich lange gequält und fühle mich jetzt zum ersten Mal auf einem wirklich guten Weg.“ Noch nimmt er Säureblocker, noch bleibt er bei der Ernährung vorsichtig, aber die Beschwerden sind zunächst verschwunden – und das ist für ihn nach Jahren schon viel. Sein Fall ist aber nicht nur für ihn persönlich, sondern auch für seine behandelnden Ärzte etwas ganz Besonderes: Der Neukirchen-Vluyner erhielt eben jenen Hybrid-Eingriff aus Endoplikatio und robotisch-assistierter Operation, der in den USA zwar bereits zu den Leitlinienempfehlungen gehört, in Europa nun aber erstmals durchgeführt wurde. Das Team um Dr. med. Olaf Hansen, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Onkologische Chirurgie, versorgte dabei zunächst die große axiale Zwerchfellhernie robotisch assistiert, während Mahmoud Arfa, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin – Gastroenterologie, Hämatologie und Onkologie sowie Teil des Team der Gastrologie um Departmentleitung Dr. med. univ. Alexander Baubin, anschließend die Antirefluxbarriere endoskopisch über den Mund rekonstruierte. Damit kamen in einem Eingriff zwei Verfahren zusammen, die in Europa bislang getrennt eingesetzt wurden. Gerade für Menschen mit größeren Hernien und therapieresistentem Reflux eröffnet diese Verbindung einen weiteren Therapieansatz, weil sie chirurgische Präzision und ein vergleichsweise schonendes endoskopisches Vorgehen zusammenführt. „Mit dieser Kombination können wir die Ursache sehr gezielt behandeln und gleichzeitig ein besonders schonendes Verfahren anbieten,“ betont Mahmoud Arfa. Genau darin liege die Stärke des Ansatzes: Das Team am EVK richte sich nicht nach einem starren Schema, sondern nach dem, was der einzelne Befund erfordere. Der Eingriff bei Thorsten Tophinke jedenfalls verlief so erfolgreich; der Patient konnte früh mobilisiert werden und zeigte schon kurz nach der Operation eine deutliche Besserung. Für das noch junge Bauchkompetenzzentrum am Gesundheitscampus Wesel hat dieser Fall auch eine symbolische Bedeutung. Seit der Gründung im September arbeiten Gastroenterologie und Chirurgie dort noch enger zusammen. Bei Thorsten Tophinke zeigte sich diese Zusammenarbeit in einem Eingriff besonders deutlich. Für ihn machte sich das nicht in Fachbegriffen bemerkbar, sondern in dem Gefühl, dass die Ärzte seinen Fall nicht auf eine Standardlösung reduzierten. „Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass hier wirklich nach der besten Lösung für mich geschaut wird“, so der Elektrotechniker, der bereits eine Woche nach dem Eingriff eine spürbare Entlastung beschreibt.
Dass Reflux sehr unterschiedlich verlaufen kann, zeigt die Geschichte von Johann Mokosch. Der 76-Jährige erhielt vor fünf Monaten als einer der ersten Patient:innen in Wesel eine rein endoskopische Endoplikatio. Seine Zwerchfellhernie war mit einem Zentimeter deutlich kleiner als bei Thorsten Tophinke, doch auch er hatte über längere Zeit mit Sodbrennen zu tun. Irgendwann stellte ihm sein Hausarzt eine lebenslange Einnahme von Säureblockern in Aussicht. Für den Voerder war das aber keine Perspektive, mit der er sich abfinden wollte. Er informierte sich weiter und kam schließlich ins EVK. „Ich wollte mich nicht für den Rest meines Lebens auf Tabletten verlassen müssen“, so Mokosch rückblickend. Heute hat er ohne eine Operation keinerlei Beschwerden mehr, braucht keine Medikamente und hat mit dem Eingriff nach eigener Einschätzung die richtige Entscheidung getroffen. Sein Fazit fällt entsprechend klar aus: „Alles richtig gemacht.“
Noch weiter zurück reicht die Geschichte von Werner Berndsen, und auch sie beginnt mit Jahren voller Beschwerden. Bei ihm war die Erkrankung bereits deutlich fortgeschritten, die Zwerchfellhernie maß am Ende sieben bis acht Zentimeter. Nachts wachte er vor Übelkeit auf, Essen wurde zur Belastung, und die Lebensqualität litt spürbar. Vor zwei Jahren entschied sich das Team deshalb für eine robotisch assistierte Reflux-Operation. Seitdem ist der Weseler beschwerdefrei und kommt ebenfalls ohne Medikamente aus. „Jetzt habe ich eher das Problem, dass ich wieder alles essen kann“, sagt der 71-Jährige heute schmunzelnd – nicht ohne danach genüsslich von dem Kuchen zu probieren, der vor ihm steht. Vor dem Eingriff wäre das für ihn undenkbar beziehungsweise mit großen Schmerzen verbunden gewesen. Hinter dieser kleinen Pointe steckt ein großer Unterschied zum Leben vor der Operation: Vieles, was früher nicht mehr ging, ist für ihn wieder selbstverständlich geworden. „dafür bin ich dankbar“, fasst Berndsen zusammen.
Für Chefarzt Dr. med. Olaf Hansen, auch Leitung des Refluxzentrums und Teil des Leitungsteams des Bauchkompetenzzentrums Niederrhein, spiegeln genau diese drei Fälle die Vorteile eines spezialisierten, gebündelten Behandlungswegs im Rahmen eines medizinischen Zentrums gut wider. „Wir suchen nicht die eine Methode für alle, sondern die passende Methode für jeden einzelnen Menschen“, so der erfahrene Spezialist, der mit seinem Team im Refluxzentrum, das in Wesel bereits seit 2010 besteht, inzwischen rund 200 Eingriffe jährlich durchführt. Seit der Einführung robotischer minimal invasiver operativer assistierter Verfahren habe sich die Behandlung noch einmal weiterentwickelt, so Hansen weiter.
Gleichzeitig bleibe eine Erkenntnis seit Jahren dieselbe: Ohne gute Diagnostik gebe es keine gute Therapie. Denn Reflux könne ganz unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen haben, und auch Zwerchfellhernien entwickelten sich im Verlauf häufig weiter. Viele Betroffene warteten dennoch lange; „im Durchschnitt quälen sich viele Patientinnen und Patienten zehn bis 15 Jahre mit ihren Beschwerden.“ Genau deshalb blickt das interdisziplinäre Team nicht nur auf den Eingriff selbst, sondern auf den gesamten Weg bis dorthin. Wer hinter anhaltendem Sodbrennen, nächtlicher Übelkeit oder Schmerzen zunächst harmlose Magenprobleme vermutet, unterschätzt oft, wie stark Reflux den Alltag prägen kann. Die drei Patientengeschichten aus Wesel zeigen, dass hinter derselben Diagnose sehr unterschiedliche Verläufe stehen können – und dass daraus auch sehr unterschiedliche Therapien folgen.
Thorsten Tophinke, Johann Mokosch und Werner Berndsen verbindet am Ende nicht dieselbe Behandlung, sondern ein ähnliches Ergebnis: Sie können das Leben wieder genießen – auch, weil das Reflux-Behandlungssektrum am Ev. Krankenhaus Wesel so individuell ist wie die Patienten selbst. So ist der europaweit erstmalige Hybrid-Eingriff auch mehr als eine technische Premiere. Als medizinischer Meilenstein unterstreicht er die besondere Rolle des Standorts in der Weiterentwicklung der Refluxtherapie in Europa. Er macht sichtbar, was möglich wird, wenn Spezialisierung, Erfahrung und enge Zusammenarbeit zusammenkommen – und wenn Medizin sich konsequent daran orientiert, was dem einzelnen Menschen wirklich hilft.
Weitere Informationen finden Sie hier: Bauchkompetenzzentrum Niederrhein & Refluxzentrum am EVK Wesel